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Gefährliche Felder?

Elektromagnetische Strahlung durch neue Handy-Studie wieder in der Diskussion

Eine unlängst [1997] veröffentlichte Studie sorgt für Verunsicherung bei Handy-Besitzern: Sind Mobiltelefone gesundheitsschädlich? Können Handys sogar Krebs auslösen? Der Grund für die Besorgnis: In Tierexperimenten wurde beobachtet, dass Mikrowellen im Frequenzbereich von Handys die Bildung von Tumoren fördern. Untersucht wurden gentechnisch veränderte Mäuse, die auch ohne Bestrahlung eine hohe Anfälligkeit für Lymphome, also Tumoren des Immunsystems, haben. Die Hälfte der 200 Tiere wurde zweimal täglich eine halbe Stunde lang mit einem elektromagnetischen Feld von 900 MHz bestrahlt, also der Frequenz, die im digitalen Telekommunikationsnetz (D-Netz) verwendet wird. Das Ergebnis der 18 Monate dauernden Untersuchung: Die bestrahlten Mäuse entwickelten mehr als doppelt so oft Lymphome wie ihre unbestrahlten Artgenossen.

MobiltelefonIst das ein Beweis, dass elektromagnetische Strahlen Krebs auslösen? "Keineswegs“, sagt Prof. Dr. Jürgen Bernhardt vom Institut für Strahlenhygiene am Bundesamt für Strahlenschutz (BfS). "Aber die Ergebnisse sind interessant und müssen weiter verfolgt werden.“

Elektromagnetische Felder treten immer dort auf, wo wir elektrische Geräte für uns arbeiten lassen. Dass das praktisch überall der Fall ist, zeigt sich am augenfälligsten, wenn bei Stromausfall die elektr(on)ischen Helfer ihren Dienst verweigern: kein Licht, keine Heizung, die Küche lahmgelegt, Arbeit am PC unmöglich, keine Entspannung durch TV und HiFi, selbst das Auto wird durch ein elektrisches Garagentor blockiert. Und der Preis für den Komfort? Nieder- und hochfrequente elektromagnetische Felder, die von elektrischen Geräten und Anlagen abgestrahlt werden, teils als unvermeidbare Nebenprodukte, teils als informationsgeladene Funksignale. Kurz und populär ausgedrückt: Elektrosmog.

Die meisten Haushaltsgeräte strahlen niederfrequente Felder ab, weil sie mit Wechselstrom von 50 Hz betrieben werden. (Die Frequenz in Hertz (Hz) ist die Zahl der Schwingungen eines elektrischen bzw. magnetischen Felds pro Sekunde). Die Stärke von elektrischen Feldern wird in Volt pro Meter (V/m) gemessen und verringert sich deutlich, je weiter man vom Gerät entfernt ist. Durch sehr starke Felder können geladene Moleküle im Körper umverteilt werden – es entsteht ein Stromfluß. Im Extremfall reizen solche inneren Körperströme das zentrale Nervensystem und verursachen Herzkammerflimmern. Die Strahlenschutzkommission empfiehlt für Innenräume eine elektrische Feldstärke von 5000 V/m als Grenzwert, weil dann die "künstlichen“ Körperströme die durch Hirn- und Herztätigkeit verursachten natürlichen Ströme nicht übersteigen. In welchen Größenordnungen liegen nun unsere elektrischen Helfer? Ein Boiler zum Beispiel hat in 30 Zentimeter Abstand eine elektrische Feldstärke von 260 V/m, ein Bügeleisen 120 V/m, ein Fön 80 V/m, ein Fernseher 60 V/m und eine Glühlampe 5 V/m. Aber auch ohne Elektro-Komfort stehen wir unter "Strom“: Zwischen der Ionosphäre und der Erdoberfläche besteht ein elektrisches Feld mit Stärken bis zu 500 V/m, in Gewitterzentren sogar bis zu 20 000 V/m.

Aus dem Physikunterricht weiß man, dass elektrischer Strom ein Magnetfeld erzeugt. Mit anderen Worten: Jedes Elektrogerät, das Strom verbraucht, besitzt auch ein Magnetfeld. Auch hier gilt: Die Stärke eines Magnetfelds nimmt mit der Entfernung drastisch ab. Bereits in einem Meter Abstand ist es hundert- bis tausendmal schwächer als an der Oberfläche von Elektrogeräten. Im Gegensatz zu elektrischen Feldern durchdringen Magnetfelder Hauswände, fast alle Metalle und auch den Menschen. Im Körperinneren verursachen sie (nach dem Dynamo-Prinzip) elektrische Körperströme, die bei hohen Werten Nerven- und Muskelzellen reizen. Um das zu verhindern, wurden von der Strahlenschutzkommission magnetische Flußdichten von 100 Mikrotesla als Grenzwert empfohlen. Mikrowellengeräte (4-8 Mikrotesla), Monitore (0,45-1,0 Mikrotesla) und Kleintrafos (0,5- 1,0 Mikrotesla, alle gemessen in 30 cm Abstand) liegen weit unter diesem Grenzwert. Und unser größter Magnet, die Erde, hat in unseren Breiten eine magnetische Flußdichte von immerhin 40 Mikrotesla.

Immer wieder schrecken uns epidemiologische Untersuchungen auf, die schwache Magnetfelder (z.B. in der Nähe von Hochspannungsleitungen) mit einem erhöhten Krebsrisiko in Verbindung bringen. Nach Meinung vieler Strahlenschutzexperten ist die Zahl der untersuchten Fälle aber zu klein, um statistisch gesicherte Aussagen machen zu können. Auch seien andere Krebsrisikofaktoren wie Rauchen und Abgase zuwenig berücksichtigt worden. Es gibt derzeit keine Vorstellung, wie so schwache Magnetfelder (0,2-0,3 Mikrotesla) Krebs auslösen könnten, denn die dadurch entstehenden Körperströme sind hundert- bis tausendmal geringer als die natürlichen. Trotzdem empfiehlt das BfS, auf den Bau von Kindergärten, Schulen und Wohnanlagen direkt unter Überlandleitungen vorsorglich zu verzichten.

Unumstritten ist dagegen, dass elektromagnetische Felder elektronische Geräte empfindlich stören können. Viele kennen das vom "Schneetreiben“ auf dem Bildschirm, wenn z.B. die elektrische Modelleisenbahn schlecht entstört ist. Lebensbedrohlich kann es werden, wenn die Elektronik von Herzschrittmachern, Insulinpumpen oder von Flugzeugen und Autos gestört wird. Hier sind besonders Handys ins Kreuzfeuer der Kritik geraten, weil sie beim Sendebetrieb hochfrequente elektromagnetische Felder (HF-Felder) abstrahlen.

HF-Felder besitzen eine Frequenz zwischen 30 Kilohertz und 300 Gigahertz (300 Milliarden Hertz) und werden im allgemeinen von Antennen ausgesendet. Typische HF-Strahler sind, außer den Handys, Rundfunksender, Mikrowellengeräte und Radarstationen.

HF-Felder haben auch biologische Wirkungen. Im Körper regen sie geladene Moleküle und Dipole (z.B. Wassermoleküle) zum Mitschwingen an und verursachen dadurch molekulare Reibungswärme (diesen Effekt nutzt man beim Erhitzen in der Mikrowelle). Die meisten bekannten biologischen Wirkungen von HF-Strahlung wie Störungen des Stoffwechsels und des Nervensystems, Verhaltensänderungen, Hitzschlag, aber auch Grauer Star und gestörte Embryonalentwicklung, treten nur auf, wenn sich einzelne Körperbereiche um mehr als 1 °C erwärmen. Ein Maß für diese Erwärmung ist die sogenannte Spezifische Absorptionsrate (SAR, gemessen in W/kg). Die Internationale Strahlenschutzkommission für nichtionisierende Strahlung empfiehlt einen SAR-Grenzwert von 0,08 W/kg (bzw. 2 W/kg für Teilkörperbereiche). Unter diesen Bedingungen wird eine gesundheitsschädliche Erwärmung ausgeschlossen. Was heißt das für den Handy-Fan? "D-Netz-Telefonierer sollten darauf achten, dass ihr Gerät maximal zwei Watt Ausgangsleistung hat“, empfiehlt Dr. Jürgen Bernhardt. Im E-Netz sollte ein Watt nicht überschritten werden, um einen kühlen Kopf zu bewahren. Schon wegen der Stromersparnis werden diese Werte bei modernen Handys normalerweise nicht überschritten.

Können HF-Strahlen Krebs auslösen? Manche Untersuchungen behaupten das. Nach Auskunft des BfS sind diese Arbeiten jedoch umstritten, weil sie nicht wiederholt werden konnten oder widersprüchliche Ergebnisse lieferten. Tumoren sind die Folge von Gen-Mutationen, und um Mutationen auszulösen, müssen chemische Bindungen gespalten werden. HF-Felder besitzen dazu aber viel zu wenig Energie. Es ist jedoch nicht auszuschließen, dass das Wachstum von bereits entarteten Zellen durch HF-Felder begünstigt wird.

Die eingangs erwähnten Experimente weisen einen Weg, die Wirkung von HF-Feldern auf Lebewesen detailliert zu untersuchen. Die Autoren selbst warnen aber vor einer Überinterpretation ihrer Ergebnisse. Denn erstens handelt es sich um künstlich genveränderte Mäuse mit hohem Krebsrisiko und zweitens können Ergebnisse aus Tierversuchen nicht ohne weiteres auf den Menschen übertragen werden.

"Die Resultate der Untersuchung verlangen weitere Grundlagenforschung auf diesem Gebiet.“, so die Stellungnahme des BfS. "Zu einer Änderung der bestehenden Grenzwerte gibt es keinen wissenschaftlich begründeten Anlaß.“ Also: Keine Panik, aber sich kurz fassen schadet nicht.

Dr. rer. nat. Hans Guldner
(erschienen in "einblick", Magazin des Deutschen Krebsforschungszentrums Heidelberg, 1997)